Denksplitter #2 Kritisches Denken
Verlieren wir durch KI unsere Denkfähigkeit – oder können wir sie gezielt stärken?
Seit geraumer Zeit lese ich immer wieder Artikel und Studien, die warnen: Zu viel Vertrauen in KI schwächt unser kritisches Denken. Eine berechtigte Sorge oder ein weiterer Technologie-Reflex?
Die Befürchtung ist nicht unbegründet: Wer Entscheidungen einfach an KI delegiert, ohne die Antworten zu hinterfragen, riskiert tatsächlich kognitive Faulheit. KI sollte kein Ersatz für menschliches Denken sein, sondern ein Verstärker.
Medizin: KI kann Ärzte bei der Diagnose von Krankheiten unterstützen, indem sie große Mengen an Patientendaten auswertet. Die finale Entscheidung trifft jedoch menschliche Expertise.
Bildung: KI-gestützte Lernplattformen helfen Lernenden und Lehrkräften, personalisierte Lernwege zu gestalten, aber die zwischenmenschliche Interaktion im Unterricht bleibt unverzichtbar.
Kreativität: KI kann Vorschläge für Designs oder Texte generieren, aber die originelle Idee und der kreative Feinschliff kommen vom Menschen.
KI effizient nutzen beginnt mit klarem Denken, dazu habe ich hier einen Artikel geschrieben. Unter anderem lesen Sie dort, warum das Sitzen von dem weißen Blatt nach wie vor wichtig ist.
Verbotene KI-Praktiken
Übrigens dürfen wir in der EU ohnehin keine Entscheidungen allein einer KI überlassen, wenn sie Auswirkungen auf Menschen haben. Wie verbotene KI-Praktiken und Hochrisikosysteme definiert werden, können Sie hier nachlesen.
Neue Perspektiven durch KI
Wie ein Mikroskop nicht für uns sieht, sondern unseren Blick erweitert, kann KI unser Denken nicht ersetzen. Aber neue Perspektiven eröffnen. Das Problem liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der Art, wie wir sie nutzen.
Wer KI als unfehlbare Wahrheit betrachtet, verliert kritisches Denken. Wer sie als Sparringspartner einsetzt, kann die eigene Denkfähigkeit sogar stärken.
Eine Studie von Forschern der Carnegie Mellon University beleuchtet, wie die Abhängigkeit von generativer KI das kritische Denken beeinflusst. Hier geht's zu einem kurzen Artikel darüber.
Konkrete Tipps für KI als Denkverstärker statt Denkersatz
Der entscheidende Unterschied liegt in der Haltung.
Statt zu fragen: "Was ist die Antwort?", lohnt es sich, mit "Was könnten mögliche Perspektiven sein?" zu beginnen. Die Frage formt die Antwort. KI kann besonders wertvoll sein, wenn sie uns hilft, unsere Denkblindheiten zu überwinden.
Indem wir gezielt nach Gegenargumenten fragen oder die KI bitten, unterschiedliche Standpunkte darzustellen, trainieren wir aktiv unser kritisches Denken.
Bei komplexen Entscheidungen kann die KI bei Gedankenexperimenten helfen: Nicht um uns die Entscheidung abzunehmen, sondern um den Entscheidungsprozess zu bereichern.
Drei Fragen, die das kritische Denken stärken
Wie können Sie noch sicherstellen, dass Sie Ihr kritisches Denken bei der KI-Nutzung nicht verlieren, sondern stärken? Diese drei Fragen helfen dabei:
1. "Welche Annahmen liegen dieser Antwort zugrunde?" Bitten Sie die KI, ihre eigenen Annahmen offenzulegen. So werden blinde Flecken sichtbar und Sie trainieren gleichzeitig Ihr Meta-Denken.
2. "Was wären drei alternative Perspektiven zu diesem Thema?" Diese Frage öffnet den Blick und verhindert, dass Sie in einer Denkschleife gefangen bleiben.
3. "Wo könnten die Grenzen dieser Lösung liegen?" Indem Sie aktiv nach Schwachstellen fragen, schulen Sie Ihr kritisches Denken und kommen zu robusteren Ergebnissen.
Sie können die KI bewusst bitten, Ihre eigene Position zu hinterfragen. So entsteht ein Dialog, der Ihr Denken erweitert, statt es zu ersetzen. Probieren Sie es bei Ihrer nächsten wichtigen Entscheidung aus.
Mehr Tipps gibt's in meinem Prompting-Buch.
Wie nutzen Sie KI als Denkverstärker? Und in welchen Momenten haben Sie gemerkt, dass sie Ihre eigene Denkfähigkeit herausfordert statt ersetzt?
Denksplitter #1 Ist KI klüger als wir?
Ist KI klüger ist als wir – oder nur strukturierter?
Immer wieder begegnet mir die Frage, ob KI nun tatsächlich intelligent ist oder nicht. Oder ist sie bereits intelligenter als wir Menschen?
Wenn man mit KI im Alltag arbeitet, zeigt sich: Ihre größte Stärke ist nicht das Wissen, das sie liefert. Sondern die Ordnung und Struktur, die sie in unser Denken bringt.
Menschen denken oft in Fragmenten. Ein Halbsatz hier, eine vage Idee dort. Und genau da liegt die Stärke von KI: Sie bringt Struktur hinein. Wenn wir wissen, wie wir sie fragen müssen.
Ein kurzer Beitrag des BR erklärt, warum die Vision einer allwissenden, übermenschlichen „AGI“ – also einer allgemeinen künstlichen Intelligenz – bislang vor allem ein Versprechen bleibt. Und wie diese Vorstellung unsere Sicht auf KI im Alltag verzerren kann. Hier geht’s zum Artikel: Was ist AGI? Das vage Versprechen von der Superintelligenz.
Was KI mit einem leeren Notizbuch gemeinsam hat
Ein leeres Notizbuch verändert nichts. Es muss beschrieben werden. Genauso ist es mit KI. Sie wird erst dann nützlich, wenn wir etwas hineingeben. Unsere Fragen. Unsere Gedanken. Unsere Unsicherheit.
Die Qualität der Antworten hängt dabei weniger von der KI ab – sondern von der Klarheit unserer Fragen. Vielleicht hilft Ihnen ein kleiner Perspektivwechsel: Stellen Sie sich vor, Sie erklären Ihren Gedanken einer klugen, neugierigen Fremden. Jemandem, der wohlwollend, aber unvoreingenommen fragt: „Was meinen Sie genau damit?“ Prompten Sie so – und Sie werden merken: Die Antworten verändern sich.
Ein wirklich hilfreiches KI-Notizbuch ist übrigens NotebookLM von Google. Hier können Sie eigene Quellen hineinladen, auch Webseiten und YouTube-Links. Dann unterhalten Sie sich mit der KI als Sparringspartnerin, die alle Ihre Quellen gelesen hat. Oder lassen sich einen persönlichen Podcast zu Ihren Themen erstellen.
Warum KI ein Denkpartner sein kann
In meinem Buch "Keine Panik, es ist nur KI" propagiere ich, KI als Denkpartnerin zu nutzen. (Hier kann man es bestellen.)
Dazu gehört jedoch auch, wach für Gegenargumente zu sein. Ein Heise-Artikel bringt das gut auf den Punkt: Wir schwächen unsere kognitiven Fähigkeiten, wenn wir uns zu sehr auf KI verlassen und ihr blind vertrauen. Hier geht's zum Artikel. Die nächsten Male werde ich dieses Thema vertiefen, weil es eine so hohe Relevanz hat.
Ein kleiner Umweg mit großer Wirkung
Vielleicht kennen Sie das: Sie stellen eine Frage an die KI – und bekommen eine Antwort, die irgendwie korrekt ist, aber nichts mit dem zu tun hat, was Sie wirklich brauchen.
Ein häufiger Grund: Die Frage war zu allgemein oder nicht aus Ihrem konkreten Kontext heraus gestellt.
Ein einfacher Trick kann helfen: Nehmen Sie sich vor dem Prompt einen Moment und fragen Sie sich:
- „Was genau will ich eigentlich verstehen?“
- „Was wäre eine richtig gute Antwort – für mich, in meinem aktuellen Anliegen?“
Aus „Wie funktioniert XYZ?“ wird dann vielleicht:
„Ich bereite einen Vortrag für Entscheider:innen vor. Ich suche eine bildhafte, einfache Erklärung für XYZ, die in 30 Sekunden hängen bleibt. Was könnte ein starker Einstieg sein?“
KI ist nicht die Zukunft. Sie ist längst Teil unserer Gegenwart.