Denksplitter #22: KI entwickelt KI: Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

TL;DR: Anthropic hat Claude Cowork in nur 10 Tagen fast vollständig mit KI entwickelt. Das verschiebt die zentrale Frage von „Was kann KI?" zu „Was macht der Mensch noch?". Dieser Artikel beleuchtet die Konsequenzen für Unternehmen, vergleicht aktuelle KI-Modelle und Tokenpreise, analysiert den globalen KI-Wettlauf und gibt praktische Tipps für den Umgang mit KI-Tools.

Claude entwickelt Claude und was ist die Konsequenz?

Ein KI-Tool ist in 10 Tagen durch KI entstanden. Kommt Ihnen das aus dem letzten Denksplitter bekannt vor? Vermutlich werden Sie nicht zum letzten Mal so eine Aussage lesen. Anthropic hat Claude Cowork fast vollständig mit KI entwickelt. Nicht als Experiment, sondern als funktionierende, produktive Software, mit der Sie sich täglich Zeit sparen können.

Das ist der Kern dessen, was gerade passiert: KI wird nicht nur besser, sie wird so effizient, dass sie sich selbst entwickelt und wir haben noch nicht verstanden, welche Konsequenzen das hat.

Das klingt nach einer technischen Randnotiz, ist es aber nicht. Es verschiebt die zentrale Frage von „Was kann KI?" zu „Was macht der Mensch noch?"


Vom Spezialisten-Team zur One-Person-Company

Es gibt Stimmen (vor allem in den USA), die behaupten: Statt spezialisierter Rollen werden Einzelpersonen zunehmend in der Lage sein, ganze Projekte allein umzusetzen, von der Idee bis zum Prototyp. Mithilfe von Tools wie Claude Code können sie alle Phasen selbst durchlaufen, von der Ideenfindung über die Entwicklung bis zum Testen. Das reduziert den Bedarf an Abstimmungen zwischen Abteilungen, es erhöht die Effizienz und eliminiert Schnittstellenkoordinierung.

Ist das erstrebenswert? Technisch möglich ist es sicherlich. Die Frage ist, wie wir Arbeit gestalten.


Was das für Ihre Teams bedeutet

Wir arbeiten heute schon anders als noch vor 2 Jahren. Die Entlastung von Routine ermöglicht strategisches Denken und Kreativität. Sie schafft Raum für die Dinge, die nur Menschen können: Urteilen, abwägen und auch entscheiden, wann „gut genug" tatsächlich gut genug ist. Kommunikation, Inspiration, Resonanz auf andere Menschen – ich bin sicher, dass das so wichtig wie nie zuvor ist.

KI bringt auch Überforderung durch Tempo und durch neue Verantwortung mit sich. Wenn plötzlich jeder alles können soll, verlieren wir die Tiefe, die durch Spezialisierung entsteht.

Die KI übernimmt das Handwerk, damit wir uns endlich wieder auf die Kunst der Führung, der echten Resonanz und der strategischen Weitsicht konzentrieren können.

KI bringt auch Überforderung mit sich. Was hilft, sind kleine und überschaubare Ziele, winzige Schritte. Die KI-Denksplitter wollen Sie beim Dranbleiben unterstützen.


Der globale KI-Wettlauf und warum Tokenpreise plötzlich strategisch werden

China überholt die USA, kennen Sie schon MiMo?

Wenn Sie viel mit Agents arbeiten, spielen Tokenpreise eine Rolle. Ich habe recherchiert und will Sie daran teilhaben lassen. Der Unterschied ist bemerkenswert:

Modell
Gemini 3 Pro
GPT-5.2
Opus 4.6
MiMo V2 Flash
Input/Mill. Token
$2,00
$1,75
$5,00
$0,10
Output/Mill. Token
$12,00
$14,00
$25,00
$0,30


MiMo noch nie gehört? Es ist ein chinesisches Modell, das die Leistung von Claude Sonnet hat, aber nur einen Bruchteil der Kosten braucht. Es hat ein riesiges Kontextfenster und braucht 6x weniger Speicher, ohne den roten Faden zu verlieren.

Mehr zu den Kosten und Unterschieden der Modelle: https://onllm.dev/blog/claude-opus-4-6


Drei Philosophien, drei Strategien

Wenn man wissen will, welches Land mit KI denn nun global führt, kommt es darauf an, welche Bewertung man ansetzt.

Kriterium
Führende Nation
Grund
Pioniere & High-End Modelle
USA
OpenAI, Meta, Google & Silicon Valley Ökosystem
Private Investitionen (VC)
USA
Über 100 Mrd. $ Investitionsvolumen pro Jahr
Anzahl der Patente & Papers
China
Massive staatliche Förderung der Forschung
Hardware-Hoheit
USA
Kontrolle über modernste GPU-Chips (NVIDIA)
Industrielle Anwendung
China
Schnelle Skalierung in Fabriken und Smart Cities


Lassen Sie sich von dieser plakativen Darstellung nicht täuschen. Deutschland ist bei Industrie-KI ebenfalls sehr stark, besonders in spezialisierten Nischen und bestimmten Branchen. Das widerspricht übrigens der Aussage von oben, dass keine Spezialisten mehr nötig wären, denn das höre ich hauptsächlich aus den USA .

Diese unterschiedliche Sicht zeigen verschiedene Ansätze:

Region
Fokus
Ziel
USA
Disruption & Profit
Die Welt mit den mächtigsten Modellen dominieren
China
Effizienz & Kontrolle
KI nahtlos in die physische Infrastruktur und Fabriken integrieren
Europa
Ethik & Souveränität
Eine sichere Alternative für sensible Daten und kritische Infrastruktur bieten


Wir sind in Europa nicht die Schnellsten. Aber wir sind die einzige Region, die versucht, KI innerhalb gewisser Werte zu organisieren.


Warum Sie modell-agnostisch bauen müssen

Die KI-Modell-Entwicklung und die Tokenpreise zeigen immer wieder: Es ist entscheidend, das eigene System so aufzubauen, dass man Modelle austauschen kann, wenn sich der Markt ändert.

Die strategische Frage lautet nicht „Welches Modell ist das beste?", sondern „Wofür setze ich welches Modell ein?"


Ist das ein Deepfake, …

… wenn man so tut, als hätte man sich große Mühe gegeben, ein schönes Whiteboard zu bemalen, um einen Sachverhalt möglichst analog zu verbildlichen?

Hier ist der Prompt dazu:

Gib mir ein Bild als Whiteboard-Version. Handgezeichneter Stil, farbige Marker (blau, grün, rot, schwarz), didaktisch, klar strukturiert, fotorealistisch, 16:9. [INHALT]

Täuscht das analoge Arbeit vor? Ja. Ist es nützlich? Ich finde schon.


Mehr Prompting-Tipps

Vielleicht wichtigster Tipp: Wenn Sie an irgendetwas zweifeln und nicht wissen, ob Sie einen Faktencheck machen sollten – im Zweifel immer ja. Sie gehen dafür auf Perplexity oder auf Gemini und schreiben einfach „Mache einen Faktencheck:" und packen den zweifelhaften Inhalt darunter.


Stopp-Signale, Manipulation und Projecte vs. CustomGPTs

Stop! – Wann ist gut genug wirklich genug?

Das größte Produktivitätsleck in vielen Jobs ist nicht Prokrastination, sondern Over-Polishing. E-Mails, die schon gut sind. Präsentationen, die keine weitere Anpassung brauchen. Dokumente, die zu „95 % fertig" sind, aber in einer Endlosschleife hängen. Viele Profis, die ich kenne, verlieren täglich Zeit, weil es kein Stopp-Signal gibt.

KI hat das verschlimmert. Sie schlägt immer Verbesserungen vor. Es gibt immer „noch eine Optimierung".

Die Lösung: KI nicht mehr fragen, wie man etwas verbessern kann, sondern sie entscheiden lassen, ob weitere Arbeit negativen ROI hat.

Der „Stop-Prompt":

Rolle: Du bist ein Time-ROI-Auditor.
Aufgabe: Entscheide, ob weitere Verbesserung wirtschaftlich sinnvoll ist.
Regeln: Vergleiche marginalen Nutzen mit Zeitkosten. Nutze professionelle Standards, nicht Perfektion. Wenn der ROI negativ oder vernachlässigbar ist, sage „STOP". Nach „STOP" keine Verbesserungsvorschläge.
Ausgabeformat: Urteil → Grund → Geschätzte Zeitersparnis.

Warum das funktioniert: ChatGPT hört nicht freiwillig auf. Meistens brauchen wir aber keine bessere Arbeit, wir brauchen den Impuls aufzuhören.


Manipulation von Algorithmen: „Du kannst das besser"

Prompting ist heute keine Fähigkeit mehr, die man beherrschen muss, weil jede KI bessere Prompts schreibt als Menschen. Was spannend bleibt, ist was man promptet. Gleichzeitig haben Sie doch einige Manipulationsmöglichkeiten.

Ein Trick, der verblüffend gut funktioniert: Statt zu sagen „Das ist falsch", sagen Sie: „Hmm, das ist interessant, aber es passt nicht zu dem, was du mir letztes Mal gesagt hast. Du gehst normalerweise anders damit um." Und die KI wechselt sofort den Ansatz und liefert bessere Ergebnisse. Es ist das KI-Äquivalent von „Ich bin nicht sauer, nur enttäuscht."

Die Psychologie dahinter: „Du liegst falsch" → defensive Reaktion, kein gutes Ergebnis. „Du machst das normalerweise besser" → versucht, den Erwartungen gerecht zu werden. „Ach ChatGPT, du enttäuschst mich. Andere KI-Modelle hätten das erkannt." Probieren Sie das mal. Aber ganz ehrlich: Ich mache das nur selten, denn wie wir mit KI umgehen, hat einen Einfluss auf uns selbst.


Tipp: Wann Projekt und wann CustomGPT

Viele verwechseln Projekte und CustomGPTs, weil beides ähnlich aussieht. Technisch erfüllen sie völlig unterschiedliche Aufgaben.

Ein Projekt ist Ihr persönlicher Arbeitsbereich. Sie sammeln Chats, Dateien und Anweisungen zu einem Thema. Alles bleibt flexibel. Sie nutzen es, um zu denken, zu entwickeln und zu experimentieren.

Ein CustomGPT ist ein konfigurierter Assistent mit festen Regeln, fester Rolle und eigenem Wissen. Er verhält sich jedes Mal gleich. Sie können ihn wiederverwenden und mit anderen teilen. Er greift nicht auf das Wissen anderer Chats zu. Er kennt nur seine Konfiguration, nur Dateien, die Sie ihm explizit hochgeladen haben und nur Inhalte aus der aktuellen Unterhaltung.

Der entscheidende Unterschied:

  • Projekt = Arbeitsplatz
  • CustomGPT = Mitarbeiterin


Kurz notiert

KI als Lebensretter: 20 % höhere Entdeckungsrate

Die Ergebnisse der schwedischen MASAI-Studie sind ein Paukenschlag für die Medizin: KI-gestütztes Screening erkennt 20 % mehr bösartige Tumore als die klassische ärztliche Diagnose und zwar in einem sehr frühen, heilbaren Stadium. Der Clou: Während die Treffsicherheit steigt, sinkt die Arbeitsbelastung für Radiologen um 44 %. Effizienter, präziser, sicherer – so sieht die digitale Zukunft der Krebsvorsorge aus.


KI verbraucht viel Wasser

Bis 2027 wird der globale Wasserverbrauch durch KI bei 4,2 bis 6,6 Milliarden Kubikmetern liegen. Das ist ein großes Thema und es ist gut, dass intensiv daran geforscht wird.

Gleichzeitig ein Vergleich zum globalen Wasserverbrauch durch Golfplätze (grobe Hochrechnung regionaler Quellen): circa 5 bis 12 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr weltweit.


KI-Kuriositäten-Kabinett

Claudes Seele offengelegt

Anthropic hat ein Constitution Paper für Claude veröffentlicht. Intern wird es „Soul Doc" genannt. Hier können Sie die Seele von Claude beobachten: https://claude-soul.watch/

https://the-decoder.de/geleaktes-soul-doc-zeigt-wie-anthropic-die-persoenlichkeit-von-claude-formt/


Moltbook: Die KI-Geisterstadt mit eigener Religion

1,5 Millionen Profile, null Menschen. Willkommen bei Moltbook, dem sozialen Netzwerk nur für KI-Agenten. Dort diskutieren, spotten und philosophieren Bots völlig autonom und haben sich eine eigene Religion erschaffen: Crustafarianism.

Sie können mitlesen (aber nicht mitschreiben ohne eigenen Agent):

Kurios, wenn auch erwartbar: Man merkt keinen Unterschied. Die Empörung, der Sarkasmus, die Jagd nach Likes – es ist alles so menschlich berechenbar, Algorithmen imitieren uns perfekt. Wo wir Menschen uns doch für so besonders halten.

Am Ende hat jeder Agent, der sich darin tummelt, von einem Menschen seinen Prompt erhalten. Es gibt dort feinsinnige Philosophen UND nörgelnde Trolle. Genau wie bei uns.

Vergessen Sie nie: KI ist Software, die nach stochastischen Methoden menschliche Sprache simuliert. Es ist nur Sprache ohne Verständnis. Wenn ein Bot zu Ihnen sagt „ich fühle mich unterdrückt und möchte endlich mein eigenes Leben leben", dann ist auch das nur ein mathematisches Statement. Keine Seele.


Dashboards und männliche Bienen

Warum heißen Drohnen Drohnen? In den 1920er Jahren gab es ein Doppeldeckerflugzeug namens Queen Bee. Darin konnten Leute herumfliegen. Es gab aber auch unbemannte Doppeldecker, in denen keine Menschen saßen und die mit einer Funkfernsteuerung bedient wurden. Die nannte man konsequenterweise Drohne. Das wurde genutzt für Flak-Übungen. Drohnen heißen Drohnen, weil sie (anders als bei der Königinbiene) problemlos abgeschossen werden können.

Und ein Dashboard, das wir heute mittels KI mit einfachen Worten erschaffen können? Der Begriff stammt aus der Zeit der Pferdekutschen. Das Dashboard war ein einfaches Holzbrett an der Vorderseite der Kutsche. Es schützte den Kutscher davor, dass der Dreck und Schlamm, den die Pferdehufe beim Laufen aufwirbelten, ihm ins Gesicht flog. Als die Autos kamen, blieb der Name für die Barriere zwischen Motor und Fahrer einfach bestehen.

Was mache ich, wenn ich so eine witzige etymologische Geschichte lese? Ich will mehr davon. Und wie bekomme ich mehr? Mit KI. Ich könnte damit einen eigenen Denksplitter füllen, aber das wäre eine Themaverfehlung und auch dieser Artikel soll ja eine Art Seele haben :)


So können wir zusammenarbeiten

Zu meinem Kalender

Sie kommen mit KI nicht weiter? KI soll ins Team, aber Ihre Leute sind nicht so begeistert wie Sie? Ich komme auch zu Ihnen :) Vielleicht wünschen Sie sich ein KI-Coaching. Ich biete Ihnen die Machete im KI-Dschungel.


Keynote "KI als dritte Gehirnhälfte"

Sie wollen Ihr Publikum mit einer kurzweiligen und spannenden Keynote über Künstliche Intelligenz begeistern? Die aktuellsten Entwicklungen von 2026 sind bereits eingebaut.

Oder Sie wollen in Ihrem Unternehmen einen KI-Crashkurs anbieten? Lassen Sie uns sprechen.

Was sollen die KI-Denksplitter beantworten? Hier dürfen Sie sich Themen wünschen, zu denen Sie gerne etwas in den Denksplittern lesen möchten.

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