Denksplitter #18: Entscheidungen mit KI: Warum Ihre Urteilskraft der wichtigste Filter bleibt

TLDR: Entscheidungen mit KI sind eine Kunst, denn KI ist ein brillanter Berater, aber eine schlechte Entscheiderin. Dieser Artikel beleuchtet das Paradox der Entscheidungshilfe und zeigt, wie Sie durch bewusste Innehalte-Momente und klare Prozesse Ihre menschliche Urteilskraft im KI-Zeitalter stärken.

Wie kommen Sie als Frau eigentlich zu KI?

Was für eine eigenartige Frage, nachdem ich eine geballte Stunde lang eine KI-Keynote auf einer großen Bühne gehalten habe. Hinterher kam jemand auf mich zu, freundlich, neugierig, und stellte mir diese Frage: „Wie kommen denn Sie als Frau eigentlich zu KI?"

Ich habe geantwortet: „Weil KI mich wegrationalisiert hat."

Was auch stimmt. Mein früheres Kernthema war Schnell-Lesen. Ich habe eine eigene Speed Reading Methode entwickelt, aber mit KI ist das obsolet geworden. KI fasst ein 200-Seiten-Dokument in 30 Sekunden zusammen. Wozu noch schnell lesen, wenn die Maschine es in Echtzeit erledigt? (Dass KI nie 100% trifft und es immer Verzerrungen gibt - geschenkt.)

Noch während meiner Antwort habe ich mich gefragt, ob das nun die am besten passende Antwort war und mich gleichzeitig geärgert, dass mir nichts Schlagfertigeres eingefallen ist.

Sich selber zu ärgern, ist selten eine gute Idee, darum habe ich mir mit KI eine Schlagfertigkeitstrainerin gebaut. Sie hilft mir nun, mich auf solche dummen Fragen vorzubereiten. Ironie des Schicksals: Die Technologie, die mich verdrängt hat, ist jetzt meine beste Sparringspartnerin.

Was halten Sie von dieser Entgegnung: "Wie ich zu KI komme? Wie immer im Leben durch Interesse, Kompetenz, Arbeit. Funktioniert erstaunlich geschlechtsunabhängig."

Wenn ich vor der Entscheidung stehe, jammern oder neu denken? Dann entscheide ich mich lieber für Letzteres. Genau darum geht's heute: Entscheidungen. Wie treffen wir sie im KI-Zeitalter? Wie hilft uns KI dabei?


Wenn KI für uns denkt: Das Paradox der Entscheidungshilfe

Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass Menschen, die KI-Empfehlungen erhalten, nicht automatisch bessere Entscheidungen mit KI treffen, im Gegenteil. Wir vertrauen KI-Vorschlägen oft blind, selbst dann, wenn sie offensichtlich falsch sind. Warum? Weil die Maschine so überzeugend klingt. Hier geht's zu einer "experimental study on the extent and costs of overreliance on AI".

Das Problem ist nicht die KI. Es ist unsere Bequemlichkeit. Wir delegieren Entscheidungen an Algorithmen, ohne sie zu hinterfragen. Das ist gefährlich. Nicht weil KI böse ist, sondern weil wir aufhören, selbst nachzudenken.

Ein Beispiel aus dem Recruiting: Ein Unternehmen nutzt eine KI zur Vorauswahl von Bewerbungen. Die KI filtert nach bestimmten Mustern – Universitätsabschluss, bestimmte Keywords im Lebenslauf, Branchenerfahrung. Was die KI nicht kann, ist ein Potenzial zu erkennen, das nicht ins Raster passt. Den Quereinsteiger mit unkonventionellem Werdegang. Die Bewerberin, die ihre Stärken anders formuliert. KI könnte auch diese Muster filtern, aber dann würde sie vermutlich zu viele andere Bewerbende ebenfalls durchwinken, die tatsächlich nicht passen.

Was heißt das für Sie? KI ist keine Entscheiderin. Sie gibt Ihnen Vorschläge. Behandeln Sie ihre Empfehlungen wie die Meinung eines gut informierten, aber nicht unfehlbaren Beraters. Die letzte Entscheidung bleibt bei Ihnen. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie im Recruiting statt CV so einen Lebensweg erhalten würden? (Ich habe bei meinem die Jahreszahlen weggelassen). Jedenfalls wüssten Sie, dass die Person KI-affin ist :)

Das Ergebnis vieler Entscheidungen, mit und ohne KI: Lebenslauf Astrid Brüggemann


Entscheidungsarchitektur: Warum Sie Ihre Prozesse neu denken müssen

KI verändert nicht nur, was wir entscheiden, sondern wie wir entscheiden sollten. In der Verhaltensökonomie spricht man von Entscheidungsarchitektur, der bewussten Gestaltung von Rahmenbedingungen und Kriterien, die unsere Entscheidungen beeinflussen.

Früher war das Thema: Wie gestalten wir Prozesse so, dass Menschen bessere Entscheidungen treffen? Heute kommt eine neue Dimension dazu: Wie integrieren wir KI, ohne dass sie unsere Urteilskraft untergräbt, sondern unsere eigene Klarheit über den Entscheidungsprozess stärkt?

Zu viele Optionen führen zu Entscheidungsparalyse. KI kann helfen, diesen Wildwuchs zu lichten. Aber nur, wenn Sie vorher die Hausaufgaben machen: Prozesse klären, Verantwortlichkeiten definieren, Entscheidungswege samt Kriterien und Gewichtungen transparent machen.

Was bedeutet das für Sie? Kluge Unternehmen nutzen KI für Datenanalysen, Recherchen und Mustererkennungen. Die Entscheidung trifft aber immer ein Mensch nach einem strukturierten Review-Prozess. Ergebnis: Schnellere Entscheidungen bei gleichzeitig höherer Qualität.


Die 5-Sekunden-Regel für bessere Entscheidungen mit KI

Hier kommt eine simple, aber wirksame Methode für den KI-Alltag: Die 5-Sekunden-Regel.

Wenn Ihnen KI eine Antwort oder Empfehlung gibt, halten Sie fünf Sekunden inne. Fragen Sie sich:

  1. Klingt das plausibel oder nur überzeugend?
  2. Würde ich zu derselben Schlussfolgerung kommen?
  3. Was übersehe ich gerade?

Diese fünf Sekunden sind der Unterschied zwischen blindem Vertrauen und kritischem Denken. Sie verhindern, dass KI zum Autopiloten wird, der Sie irgendwohin steuert, wo Sie gar nicht hin wollten.

Ein Praxisbeispiel: Sie fragen ChatGPT nach einer Strategie für Ihr nächstes Projekt. Die KI liefert einen perfekt formulierten Plan. Klingt brillant. Aber halt – passt das wirklich zu Ihren Ressourcen? Zu Ihrer Unternehmenskultur? Zu den Menschen, die es umsetzen sollen? Diese Fragen stellt die KI nicht, die müssen Sie stellen. In den fünf Sekunden.

Menschen, die bewusst innehalten, bevor sie KI-Vorschläge übernehmen, treffen bessere Entscheidungen, denn sie kombinieren die Stärken der KI mit ihrer eigenen Urteilskraft.

Was bedeutet das konkret? Behandeln Sie KI wie einen Junior-Consultant: Klug, schnell, gut informiert, aber noch nicht erfahren genug, um alleine zu entscheiden. Sie braucht Ihre Führung, Ihren Kontext und Ihr Urteilsvermögen.

Und wenn Sie mal wirklich schlechte Laune haben, fragen Sie Ihre KI: „Was wäre eine völlig idiotische Entscheidung?" Manchmal hilft es, den Gegenpol zu sehen.


Kurz notiert

  • Entscheidungen treffen mit Marktrecherche: Datenbasierte Entscheidungen für Produkte und die eigene Strategie. Hier recherchieren Sie: (https://www.alpha-sense.com/de/trial-request-emea/), danach diskutieren Sie die Ergebnisse innerhalb der Geschäftsführung und zwar mit Hilfe von Claude oder ChatGPT.
  • Gemini Tipp: Sie laden ein dickes Skript oder Paper hoch und lassen sich den kompletten Inhalt visualisieren. Ist es immer korrekt? Nein. Ist es trotzdem sehr hilfreich? Ja, wenn Sie Ihr kritisches Denken nicht an der Garderobe abgeben. Sie wissen schon: KI ist Ihre dritte Gehirnhälfte, sie ergänzt Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen auf hilfreiche Weise und fördert Entscheidungen.
  • Die Memory Funktion von Claude: Diese funktioniert anders als von ChatGPT. In Claude findet jede Nacht eine transparente Synthese aller Chats statt, die Sie nachlesen können. In ChatGPT können Sie zwar alle Erinnerungen ebenfalls nachlesen, aber es sind nur einzelne Snippets und damit sehr unübersichtlich.
  • Persönliche Bubble: Weder in Google noch in Social Media erhalten Sie eine objektive Sicht auf die Dinge. Mit KI ist das möglich, wenn Sie die Memory-Funktion deaktiveren und dann auf eine Frage eine Antwort erhalten, die nicht von Ihren Vorarbeiten gefärbt ist. Für manche Entscheidungen ist das essentiell.


Praxistipp: Der Entscheidungs-Sparringspartner

Sie stehen vor einer wichtigen Entscheidung und wissen nicht weiter? Nutzen Sie KI als strukturierten Denkpartner.

Prompt:

Ich stehe vor folgender Entscheidung: [IHRE SITUATION]. Hilf mir, strukturiert zu denken:

  1. Was sind die 3 wichtigsten Faktoren, die ich berücksichtigen sollte?
  2. Was sind typische Denkfehler bei dieser Art von Entscheidung?
  3. Welche Fragen sollte ich mir stellen, die ich bisher übersehen habe?
  4. Gib mir KEINE Empfehlung, sondern einen Entscheidungsrahmen.

Das Schöne an diesem Prompt: Er zwingt die KI, Ihnen beim Denken zu helfen und Ihnen nicht das Denken abzunehmen.


Praxis-Tipp: Entscheidungsmatrix und Bau von No-Code-Tools

Hier finden Sie eine Matrix, in der Sie Ihre Kriterien eintragen können, die bei der Entscheidung eine Rolle spielen. Außerdem können Sie sich Gedanken über die Gewichtung der Kriterien machen. Für alle Ihre Optionen machen Sie sich dann Gedanken zu den Kriterien.

Auf dem zweiten Reiter der Matrix finden Sie dann ganz transparent die Ergebnisse und das Ranking. Auf diese Weise machen Sie sich Gedanken, wie eine gute Entscheidung zustande kommen sollte und allein schon dieser gedankliche Prozess ist Gold wert.

Wie Sie so eine Matrix selbst bauen können und noch viele andere Entscheidungshilfen oder auch einen einfachen KI-Reifegrad Ihres Unternehmens, das alles erfahren Sie am 15.12.2025 um 10 Uhr bei einer Veranstaltung des BVMW, in der ich über Entscheidungstools informiere.

Wenn Sie Lust bekommen haben, das ein oder andere auszuprobieren: Denken Sie daran, dass Sie alles, was Sie mit KI machen, auch mit Ihrer KI-Strategie überprüfen sollten, damit Sie sich nicht verzetteln. Joy of Missing out ist angesagt.


Prompt-Tipp: Entscheidungen überprüfen

Wenn Sie bereits eine Entscheidung getroffen haben, aber noch unsicher sind:

Prompt:

Ich stehe vor der Entscheidung [XXX] und habe mich für [OPTION X] entschieden. Spiele Advocatus Diaboli: Was sind die 5 stärksten Argumente GEGEN diese Entscheidung? Sei brutal ehrlich.

Dieser Prompt deckt blinde Flecken auf. Nicht um Sie zu verunsichern, sondern um Ihre Entscheidung robuster zu machen.


Kuriosität

Probieren Sie mal bei ChatGPT diesen harmlosen Prompt:

Gib mir das Emoji von einem Seepferdchen.

Sie werden damit Ihre sonst so sichere und selbstbewusste KI völlig ins Straucheln bringen. Wie immer bei den Prompt-Tipps: Nur wenn Sie es ausprobieren, sehen Sie, was Unglaubliches dabei herauskommt.


So können wir zusammenarbeiten

  • Zu meinem Kalender: (https://tucalendi.com/astrid-bruggemann)
  • Sie kommen mit KI nicht weiter? KI soll ins Team, aber Ihre Leute sind nicht so begeistert wie Sie? Ich komme auch zu Ihnen :) Vielleicht wünschen Sie sich ein KI-Coaching. Ich biete Ihnen die Machete im KI-Dschungel.
  • Keynote, Impulsvortrag, Crashkurs: Sie wollen Ihr Publikum mit einer kurzweiligen und spannenden Keynote über Künstliche Intelligenz begeistern? Einen Impulsvortrag mit vielen Aha-Momenten hören? Oder in Ihrem Unternehmen einen Text-KI-Crashkurs anbieten? Lassen Sie uns sprechen.

Was sollen die Denksplitter beantworten?Hier dürfen Sie sich Themen wünschen, zu denen Sie gerne etwas in den KI-Denksplittern lesen möchten.

Ich wünsche Ihnen einen klaren Winter mit einem Lächeln im Herzen.

Herzliche Grüße Ihre Astrid Brüggemann

P.S. Ich freue mich auf die nächste dumme Frage, denn meine Schlagfertigkeitstrainerin steht bereit. Auch Sie können sie nutzen :)

P.P.S.: Hier nochmal die Veranstaltung am 15.12. um 10 Uhr beim BVMW, auf der Sie erfahren, wie Sie ohne Programmierkenntnisse eigene Entscheidungstools bauen können. Direkt zur Anmeldung geht's hier.

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